Leser/innenkommentare

Glückwunsch

Christine Haselbacher (2008-08-27)


Sehr geehrtes Redaktionsteam!
Sehr geehrte AutorInnen!

Ich gratuliere herzlich zur ersten Ausgabe des Journals soziales_kapital! Ein engagiertes Projekt, hinter dem viel Arbeit steckt!
Ich finde den Titel des Magazins mutig. Es ist nämlich da, das soziale Vermögen!
Auch den kontroversiellen Start mit den drei spannenden Leitartikeln finde ich mutig. Als Praktikerin, Supervisorin und Lehrende darf ich unwissenschaftlich, doch empirisch denkend diskutieren:
Eine Formulierung im Artikel von Leitner, er zitiert Kreisky, macht mich stutzig: "... Ärzte am Krankenbett des Kapitalismus." (S.26) Wer ist den nun der Kranke? Doch wohl der Kapitalismus selbst. Dann gilt es aber auch nicht den Kranken selbst zu beseitigen, sondern seine Krankheiten zu kurieren, oder was bei Krankheiten auch vorkommt, mit ihnen leben zu lernen.
Angenommen auch SozialarbeiterInnen sind ÄrztInnen am Krankenbett des Kapitalismus, so können auch sie durchaus an zwei Fronten kämpfen: Einerseits können sie mithelfen, seine Krankheiten (auch politisch) zu bekämpfen und zu beseitigen und andrerseits können sie Arrangements zwischen dem Kapitalismus und seinen Krankheiten suchen. Was wollen die Krankheiten denn aufzeigen? Doch wohl, dass etwas aus dem Gleichgewicht ist. Vielleicht wird auch der Kapitalismus (Neoliberalismus) als Patient einsehen müssen, dass Veränderungen Not tun. Flüchtlingsströme und Hungersnöte werden es beweisen.
In dem Zusammenhang möchte ich auch auf Publikationen der Friedensforscherin und Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin Marianne Gronemeyer verweisen. Ebenso auf "Das Ende der Egonomie" und "Ist eine andere Welt möglich? Für eine solidarische Globalisierung." von Horst Eberhard Richter.
Darüber hinaus sind die Widersprüchlichkeiten im Sozialarbeitsberuf nicht neu. Auch wir waren seinerzeit in der Sozialakademie verwundert, als Lehrende uns die Augen öffneten: Wir wollten die Welt verändern und lernten einen Beruf, der dazu beitrug, die Systeme zu stabilisieren! Seither schaffen wir es, System erhaltend UND System verändernd zu arbeiten. Es geht uns wie unseren KlientInnen, wir müssen mit Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten umgehen lernen, sind zugleich Opfer und TäterInnen, gefangen in Rahmenbedingungen und gestalten diese mit. Es ist die Geschichte der Sozailisation: Wir kommen auf die Welt und werden sozialisiert, in demselben Moment, wo wir beginnen unsere Eltern zu sozialisieren und gestaltend mitzuwirken.
Selbstverständlich ist es wichtig in der Neuentdeckung und Aktivierung von sozialem Kapital durch moderne Modelle das politische Wirken miteinzubeziehen! Weder möchte ich VerwalterInnen des Elends ausbilden, noch das Elend dem Ehrenamt und zufälligen Almosen überlassen. Kleiß und Pantucek stellen Modelle vor.
Es wartet viel Arbeit auf uns , auch für strukturelle Veränderung! Solange Gelder nur für's Elend zu bekommen sind, nicht aber für Erfolge und den Weg aus dem Elend heraus, sind SozialarbeiterInnen und ihre KlientInnen angehalten, Elend zu produzieren oder zumindest statistisch nachzuweisen. Mit einem Hinweis auf Modelle der Mikrokredite wären wir jetzt schon wieder bei einem ganz anderen Thema, und immerhin bei einem kapitalistischen....

Liebe Grüße,
Christine Haselbacher



ISSN: 2070-3481